Redebeitrag: Einige Worte zum Anlass unserer heutigen Demonstration und Gedenkveranstaltung:

Gehalten am 8. April 2018 bei der Demonstration „Burak unvergessen – Aufklären und Gedenken“ und der anschließenden Einweihung der Skulptur „Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle“

Redebeitrag der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş:

Vor sechs Jahren, am 5. Aril 2012, stand Burak Bektaş gemeinsam mit Freunden an der Bushaltestelle gegenüber des Krankenhaus Neukölln. Sie hatten sich gerade zufällig getroffen und unterhielten sich – als plötzlich ein unbekannter älterer Mann auf die Gruppe zu kam, seine Waffe zog und mehrfach auf die Jugendlichen mit vermeintlichem Migrationshintergrund schoss. Er verließ den Tatort ruhig und ohne ein Wort gesagt zu haben. Es hatte keine Beziehung zwischen den Jugendlichen und dem Mörder gegeben. Ein halbes Jahr nach dem Bekanntwerden des NSU fühlten sich viele sofort an diese Mordserie erinnert.

Burak Bektaş war damals 22 Jahre alt und wurde bei dem Angriff getötet, zwei seiner Freunde wurden lebensgefährlich verletzt.

Wir alle sind heute hier, um zu zeigen, dass die Angehörigen, Freunde und Freundinnen von Burak Bektaş mit ihrer Trauer, ihrem Schmerz, ihrer Angst und ihrem Kampf um ein angemessenes Gedenken und Aufklärung dieses Mordes nicht allein sind!
Wir werden dazu im Anschluss an diese Demonstration am Gedenkort für Burak gemeinsam die Skulptur einweihen. Sie wurde von der Künstlerin Zeynep Delibalta gestaltet und trägt den Titel „Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle“. Buraks Mutter, Melek Bektaş, hatte sich einen unübersehbaren Gedenkort gewünscht, damit Burak auch im öffentlichen Raum angemessen gedacht werden kann und die Tat genauso wie die fehlende Aufklärung im öffentlichen Bewusstsein verankert wird. Der Gedenkort steht für all den Schmerz, die Trauer und die Wut, welche Buraks Angehörige seit dem Mord begleiten.

Dieser Gedenkort für Burak wurde mit jahrelangem Einsatz erkämpft. Es war ein langer Weg, bis der Bezirk Neukölln uns die kleine Grünfläche in unmittelbarer Nähe der Todesstelle zur Nutzung überlassen hat. Hunderte Menschen haben sich für diesen Gedenkort ausgesprochen, unsere Veranstaltungen besucht und sich an seiner Finanzierung beteiligt. Das gibt Mut und Kraft zum Weitermachen. Vielen Dank an alle, die heute hier sind, sich beteiligen und unterstützen! Wir sind froh und glücklich darüber, dass wir zusammen geschafft haben, heute die Skulptur einzuweihen. Wir freuen uns sehr, dass wir heute anlässlich von Buraks sechstem Todestag, mit der Einweihung der Skulptur einen weiteren Schritt gemeinsam gehen, um solidarisch miteinander zu Gedenken und Aufklärung zu fordern.

Mit der heutigen Demonstration wollen wir aber auch ganz deutlich sagen: Wir fordern endlich Aufklärung über die Hintergründe dieses Mordes!
Denn laut Polizei und Staatsanwaltschaft fehlt auch nach sechs Jahren angeblich weiterhin „jede Spur“ zum Täter. Es gäbe keinerlei Anhaltspunkte für ein mögliches Tatmotiv. Das macht uns wütend! Und wir sagen: Das stimmt so nicht!

Und da eine Beziehung zwischen Täter und Opfern als Tatmotiv selbst bei der Polizei ausgeschlossen wird, fragen wir: Welche Motive außer Rassismus bleiben überhaupt noch übrig?
Wir haben erhebliche Zweifel an der Ermittlungsarbeit der Berliner Polizei. Es gibt keine Ermittlungserfolge, keine Transparenz, vielleicht sogar keine Ermittlungen mehr. Wir fragen:
- Was wurde und wird getan, um den Mord an Burak aufzuklären?
- Wurden und werden die Aussagen der Opfer und Überlebenden ernst genommen?
- Hätten andere rechte Gewalttaten in Neukölln, insbesondere der Mord an Luke Holland, verhindert werden können, wenn im Zusammenhang mit dem Mord an Burak konsequent im Sinne einer Aufklärung einer möglicherweise rassistischen Gewalttat ermittelt worden wäre?

Durch die vor wenigen Tagen durch eine rbb-Recherche bekannt geworden neuen Informationen wird offensichtlich: Es gibt eklatante und offensichtliche Lücken und Fehlleistungen bei den Ermittlungen! Wie kann die Polizei behaupten es gäbe keine Spuren, wenn offensichtlichen Ansätzen nur ungenügend oder gar nicht nachgegangen wird!
Wir fordern daher eine konsequente Neuaufrollung der Ermittlungen!
Wir fordern den Berliner Senat auf, Konsequenzen aus dem Versagen der Ermittlungsbehörden zu ziehen!
Burak ist nicht vergessen! Wir trauern gemeinsam und kämpfen weiter für den Gedenkort und die Aufklärung des Mordes an Burak!
(im Anschluss türkische Version )