Redebeitrag des Freundeskreis im Gedenken an die rassistischen Brandanschläge in Mölln 1992

- gehalten bei der Demonstration „Burak unvergessen – Aufklären und Erinnern“ am 8. April 2018 in Berlin Neukölln-Süd:

Liebe Familie und Liebe Freundinnen und Freunde von Burak, liebe Initiative
für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş

ich danke Ihnen, dass wir eingeladen wurden, hier zu sprechen.
Ich bin hier für den Freundeskreis im Gedenken an den rassistischen Brandanschlag in Mölln 1992.
Ibrahim Arslan konnte leider nicht kommen. Er bedauert das sehr, aber ich soll von ihm und von seiner ganzen Familie die liebsten Grüße und die besten Gedanken ausrichten. Und ich möchte mich gerne anschließen. In der Freundschaft mit der Familie Arslan habe ich erfahren, wie schwer diese Jahrestage immer wieder sind und ich wünsche euch deshalb viel Kraft. Für alle, die den
Freundeskreis nicht kennen:
Das Haus der Familie Arslan wurde am 23.11.1992 von Nazis mit Molotow-Cocktails angezündet. Bei dem Anschlag wurden die 10jährige Yeliz Arslan, die 14jährige Ayşe Yilmaz und die 51jährige Bahide Arslan ermordet. Weitere Familienmitglieder wurden teilweise sehr schwer verletzt.
Die Überlebenden kämpfen seitdem darum, dass ihre Liebsten so erinnert werden, wie die Familie es wünscht und so würdevoll, wie es Yeliz, Ayşe und Bahide zusteht und wie es jedem Menschen zustehen sollte. Und im Freundeskreis sind wir dabei an ihrer Seite.

Liebe Familie Bektaş, dear family Holland, liebe Anwesende,

Gedenken ist immer mit den Menschen verknüpft, an die gedacht wird. Es geht um die Menschen, die fehlen; darum, sie sichtbar zu machen. Ihr Leben, ihre Liebe, ihre Wünsche und Träume.
Das könnt nur ihr als Angehörige, als Freund*innen. Ihr habt Burak gekannt. Euch fehlt er, ganz direkt.
Wenn es ein Gewaltverbrechen gab, wenn es ein rassistischer Anschlag war, dann verschwinden diese Menschen oft.
Gesprochen wird vielleicht über die Tat. Aber selten über die Ermordeten. Wer waren sie? Wie möchten sie erinnert werden? Wie möchten ihre Angehörigen, dass an sie erinnert wird? Wie möchten ihre Angehörigen, dass in der Öffentlichkeit an sie erinnert wird?
Denn das Erinnern kann manchmal, auf einmal, sehr öffentlich werden – und auf die Gefühle der Familie, der Freundinnen und Freunde, der Liebsten, wird dann selten Rücksicht genommen.

Gedenken ist immer auch ein Erinnern an Gewalt. Und es macht gewalttätige Strukturen sichtbar. Strukturen wie Rassismus. Rassismus, der diese Gesellschaft prägt, seit es Deutschland gibt. Dem Rassismus gegen die Menschen in den Kolonien. Dem Antisemitismus und Rassismus der Nazis. Dem Rassismus gegen Roma und Sinti. Dem Rassismus gegen all die Menschen, die als Gastarbeiter*innen kamen. Und dem Rassismus, der sich gegen Menschen richtet, die hierher fliehen mussten. Es sind diese Rassismen, die Hassreden und Pogrome und Morde ermöglichen.

Gedenken hat viele Seiten: Wut und Stille, Trauer und Verzweiflung.
Die Erinnerungen an die Ermordeten, die Erinnerungen an die Nacht, den Tag, die Erinnerungen an das Davor und das Danach sind für euch Betroffene wahrscheinlich weder vorhersehbar noch planbar. Genauso wenig sollte Gedenken statisch und formelhaft sein.
Es sollte Raum geben für all diese Gefühle.
Alle, die an eurer Seite sein wollen, sollten das aushalten können.

Deshalb sollten die Vorstellungen der Überlebenden und Angehörigen der Ermordeten der Maßstab für das Erinnern sein. Einigen von Euch ist es möglich, von dem Geschehenen zu erzählen. Einigen von Euch fällt es schwer. Eure Stimmen sind wichtig. Wir wollen sie hören.
Einige ziehen es vor, ihr eigenes Gedenken nicht zu öffentlich zu zeigen. Das sollten wir genauso respektieren.
Unsere Aufgabe als Antirassistinnen und Antifaschistinnen sehen wir darin, dazu beizutragen, Orte des Sprechens, des Erinnerns und der Begegnung zu schaffen. Und Gedenken gemeinsam mit euch zu gestalten, wenn ihr es wollt. Und euch hierfür Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen.
Wir wünschen euch und uns allen, dass dieser Gedenkort für Burak ein solcher Ort wird. Und das wir alle, die heute hier sind, mehr solcher Orte schaffen.

Freundeskreis im Gedenken an die rassistischen Brandanschläge in Mölln 1992