Archiv für Januar 2019

Rechte/rassistische Mord- und Anschlagsserie in Neukölln aufklären und beenden

Laut aktuellen Recherchen1 hatten „Verfassungsschutz und Polizei vorab deutliche Hinweise darauf, dass bekannte Neonazis die Taten planten. Doch weder wurden diese verhindert noch die Täter gefasst“. Die Liste rechter Brandanschläge in Neukölln ist lang und geschah offenbar „Mit Wissen der Behörden“ (taz.de). Wir fragen: Was wissen die Behörden noch?

Was wissen die Behörden über die Anschläge hinaus im Zusammenhang des Mordes an Burak Bektaş und der weiteren zwei Mordversuche an den Freunden von Burak?
Und was wissen die Behörden im Zusammenhang des Mordes an Luke Holland? Sein Mörder Rolf Zielezinski wurde zu 11,5 Jahren verurteilt, doch wurde von Ermittlungsbehörden und Gericht seine faschistische Überzeugung vollends verharmlost, ein rassistisches Tatmotiv wurde wider besseren Wissens nicht berücksichtigt.
Wir unterstützen die Forderung der Betroffenen der Anschlagserien rechten Terrors in Neukölln, die in einem „offenen Brief an den Generalbundesanwalt und die Bundesministerin für Justiz“2 und des Bündnis Neukölln (Pressekonferenz vom 7.12.2018 im Rathaus Neukölln) an: „Rechte Terrorserie in Neukölln muss aufgeklärt werden.“3 Gleichzeitig fordern wir aber, dass auch unabhängige Untersuchungen geführt werden müssen.

Im letzten Jahrzehnt kam es zu mehreren Anschlagsserien in Neukölln. So wurden das Anton-Schmach-Haus am 9. November 2010 niedergebrannt und viele linke Treffs angegriffen. 2011 setzte sich die Anschlagsserie fort. Anfang 2012 gab es eine größere antifaschistische Mobilisierung zu einer Demonstration am 13. April 2012. Wenige Tage zuvor, in der Nacht vom 4. auf den 5. April 2012, wurde Burak Bektaş ermordet, 2 seiner Freunde überlebten den Mordanschlag schwerverletzt. Neben vielen weiteren Naziaktionen und -angriffen gab es im November 2012 auch einen Naziaufmarsch in Rudow (Neukölln-Süd). Die Anschlagsserie verebbte vorübergehend. Am 20. September 2015 wurde Luke Holland von dem Nationalsozialisten Rolf Zielezinski ermordet. Im darauffolgenden Jahr begann die Anschlagsserie auf linke Läden, Privatwohnungen und PKWs, die bis heute anhält.

Wir wissen nicht, ob die Täter, die Burak und Luke ermordeten, sich kannten oder gar ein Täter 2 Mal mordete. Genauso wenig wissen wir, ob die Anschlagserie 2012 verebbte, weil einzelne Nazis inhaftiert waren und die Anschlagsserie fortgesetzt wird, seit sie wieder frei sind?
Was wir aber wissen, ist, dass weder der Anschlag auf das Anton-Schmaus-Haus 2010, noch der Mord an Burak Bektaş (und die 2 weiteren Mordversuche) 2012, genauso wenig wie die Angriffe auf linke Orte und Privatwohnungen oder Autos (2010-2012 und 2016-2018) von der Berliner Polizei aufgeklärt wurden. Die Täter scheinen straflos agieren zu können.

Der Mord an Burak Bektaş am 5.4.2012 und der Mord an Luke Holland am 20.9.2015, die Angriffe auf Migrantinnen, die Angriffe auf linke Treffs und Antifaschist*innen, aber auch die Entwendung und Beschädigung von Stolpersteinen am 9. November 2017 sprechen eine deutliche Sprache. Diese ist nationalsozialistisch und ihr muss gemeinsam entgegengetreten werden – ob mit Bundesanwaltschaft oder einer anders (oder überhaupt) ermittelnden Polizei – oder durch die Zivilgesellschaft – wir haben keine Wahl.

Die Anschläge müssen als rassistisch und faschistisch eingestuft und ernstgenommen werden.
Die Bundesanwaltschaft muss die Ermittlungen zu diesen rassistischen und faschistischen Anschlägen in Neukölln übernehmen.

Eine Unabhängige Untersuchungskommission muss eingerichtet werden.

Wir verurteilen die Untätigkeit der verantwortlichen Behörden gegenüber den Sorgen und Ängsten der Betroffenen der Anschläge in Neukölln. Und wir verurteilen die Ignoranz gegenüber den bereits in Neukölln ermordeten jungen Männern Burak Bektaş und Luke Holland und ihren Angehörigen und Freunden.

Keine weiteren Toten – in Gedenken an Burak Bektaş und Luke Holland.

  1. http://www.taz.de/!5564024/ [zurück]
  2. https://www.buendnis-neukoelln.de/wp-content/uploads/2018/12/offener-brief.pdf [zurück]
  3. https://www.buendnis-neukoelln.de/2018/rechte-terrorserie-in-neukoelln-ernst-nehmen-bundesanwaltschaft-uebernehmen-sie/ [zurück]

Grussworte für die Gedenkveranstaltung an Wissam El Yamni am 5.1.2019 in Paris

Am 1. Januar 2012 wurde der 30 jährige Wissam El Yamni in Clermont-Ferrand von Polizisten ins Koma geprügelt, am 9.1.2012 wurde er für tot erklärt. Seine Angehörigen, Freund*innen und Aktivist*innen fordern auch nach 7 Jahren Gerechtigkeit und Wahrheit. Sie veranstalteten am 5. Januar 2019 eine Kundgebung in Paris und am 7. Januar in Clermont-Ferrand eine Versammlung zum gemeinsamen Austausch mit dem Comité Justice Vérité pour Wissam (Komitee Gerechtigkeit und Wahrheit für Wissam)

Grussworte der Familie Bektaş an die Gedenkveranstaltung an Wissam El Yamni am 5.1.2019 in Paris:

Liebe Familie El Yamni,

wir als Familie Bektaş können ihren Schmerz von ganzem Herzen nachempfinden.
Was bekannt ist, ist:
Wissam El Yamni war ein junger Mann, er war 30 Jahre alt und wurde offen von Polizisten geschlagen und starb an seinen Verletzungen.
Seit 7 Jahren kämpfen sie für Wahrheit und Gerechtigkeit für Wissam.
Sie kämpfen für eine Sache die bereits eine Klarheit hat. Das ist unfassbar.
Der Mord an Burak ist ebenfalls nun fast 7 Jahre her, ein Täter ist immer noch nicht ermittelt.
Der Mord an Burak will seit 7 Jahren nicht aufgeklärt werden.

Das nach 7 Jahren es noch immer keine Wahrheit und Gerechtigkeit, keine Aufklärung gibt in beiden Fällen, hängt damit zusammen, dass sie Wissam und Burak heissen.

Wir geben so lange keine Ruhe bis unsere Sache aufgeklärt ist.

Nur solidarisch und zusammen können wir uns Gehör verschaffen.

Familie Bektaş

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Grussworte der Burak-Initiative an die Gedenkveranstaltung an Wissam El Yamni am 5.1.2019 in Paris:

Liebe Familie El Yamni, Liebe Freundinnen und Freunde,

wir grüßen sie/euch herzlich und aus tiefster Verbundenheit. Einige Monate nach dem Mord an Burak Bektaş am 5.4.2012 in dem Berliner Bezirk Neukölln, haben wir uns als „Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş“ gegründet und arbeiten seitdem eng mit der Familie Bektaş zusammen.
Der Tathergang und -zeitpunkt deuten auf ein rassistisches Mordmotiv. Doch wurde in diese Richtung wenig ermittelt, ein Täter ist noch immer nicht ermittelt:
Ein weisser Mann kam, schoss auf eine Gruppe von 5 Jugendlichen mit sogenannter migrantischer Herkunft. Burak Bektaş starb an seinen Verletzungen, er war 22 Jahre alt; zwei seiner Freunde überlebten schwerverletzt. Die Tat ereignete sich kurz nach der Selbstenttarnung des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU)…
Rassistische Gewalt und Morde sind institutionalisiert, sie weisen auf eine lange Tradition und zeigen Kontinuität auf. Die mörderischen Auswirkungen gleichen sich überall…

Die Vernetzung von Angehörigen und Betroffenen von rassistischer Morde und Gewalt ist uns ein wichtiges Anliegen. Wir haben zum Beispiel bereits gemeinsam mit euch das Forum von Angehörigen und Betroffenen von rassistischer und rechter Morde und Gewalt auf dem Tribunal-Köln2017 durchgeführt.

Ein Schwerpunkt in unserer Arbeit ist das Thema der Aufklärung.
Der Austausch mit Angehörigen/Betroffenen/Initiativen/Unterstützer_innen über ihre Erfahrungen, ihre Praxen, Strategien des Widerstands und Solidarität liegen uns am Herzen.
An die bereits bestehende Vernetzung und Solidarität möchten wir gern anknüpfen und sie weiter ausbauen.

solidarische Grüße
„Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş“

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Salutations de la famille Bektaş à la famille pour la Commémoration de Wissam El Yamni le 5.1.2019 à Paris:

Chère famille El Yamni,
nous, en tant que famille Bektaş nous pouvons ressentir votre douleur de tout notre cœur.
Ce qu‘on sait, c‘est que :
Wissam El Yamni était un jeune homme, âgé de 30 ans, ouvertement battu par des policiers et mort des suites de ses blessures.
Depuis sept ans, vous luttez pour que la vérité et la justice soient faites pour Wissam.
Vous vous battez pour une chose qui est déjà établie. Ça en est incroyable !
Le meurtre de notre fils Burak a également eu lieu il y a presque 7 ans. L‘un des auteurs n‘a toujours pas été identifié.
Le meurtre de Burak reste intentionellement non résolu depuis sept ans.

Qu‘après 7 ans, il n‘y ait toujours pas de vérité et de justice, pas d‘ explication dans les deux cas, a à voir avec le fait que leurs noms sont Wissam et Burak.

Nous lutterons sans répit tant que notre affaire ne sera pas résolue.

Ce n‘est que par la solidarité et ensemble que nous pourrons nous faire entendre.

Famille Bektaş

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Salutations de l‘Initiative de Burak pour la résolution du meurtre de Burak Bektaş Commémoration de Wissam El Yamni le 5.1.2019 à Paris

Chère famille El Yamni, chers amis,
nous vous saluons chaleureusement de notre plus profonde solidarité. Quelques mois après l‘assassinat de Burak Bektaş le 5.4.2012 dans le quartier berlinois de Neukölln, nous avons fondés „L’Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş“ et travaillons étroitement avec la famille Bektaş depuis lors.

Le déroulement et l‘heure du crime indiquent un mobile raciste. Mais peu a été déterminé dans cette direction, l‘auteur n‘a toujours pas été identifie:

Un homme blanc est venu, a tiré sur un groupe de cinq jeunes dits issus de l’immigration
Burak Bektaş est mort des suites de ses blessures, il avait 22 ans. Deux de ses amis ont survécu à des blessures graves. Le crime s‘est produit peu de temps après la revelation de l’existence du groupe national-socialiste (NSU)….
La violence et les meurtres racistes sont institutionnalisés, ont une longue tradition et montrent une continuité. Les effets par ces meurtres sont les mêmes partout….
La mise en réseau des proches et des victimes d‘assassinats et de violences racistes est une préoccupation importante pour nous. Par exemple, nous avons déjà organisé avec vous le forum des parents et des victimes de meurtres et de violences racistes et d‘extrême droite au Tribunal de Cologne en 2017.
L‘un des points forts de notre travail est la recherché de la resolution des crimes. L‘échange avec les proches/ victimes /initiatives/ soutiens sur leurs la base de leurs expériences, leurs pratiques, leurs stratégies de résistance et de solidarité, nous tient à cœur.
Nous aimerions nous appuyer sur le réseau et la solidarité déjà existants et l‘étendre davantage.

salutations solidaire
„Initiative pour la résolution du meurtre de Burak Bektaş“