6. Jahrestag des unaufgeklärten Mordes / Zwei Meter hohe Bronzeskulptur wird errichtet

Einen Tag vor dem 6. Jahrestag des Mordes an Burak Bektaş werden heute in einem Beitrag des RBB (siehe unten) zentrale Einschätzungen der Polizei und Staatsanwaltschaft zum Fall widerlegt und ein weiteres brisantes Detail aus den Ermittlungen im Fall Burak Bektaş öffentlich.
Dieses gibt einen weiteren Hinweis auf das Versagen der Ermittlungsbehörden: Bei Rolf Zielezinski, der im September 2015 den Briten Luke Holland in Neukölln ermordet hatte, habe die Polizei einen Revolver Armi Jäger, Kaliber 357 gefunden, der ein Indiz für eine Verbindung zwischen beiden Morden sein könnte:

Eine Waffe mit der „es möglich ist, die in Buraks Fall verwendete Munition zu verschießen. Auf der Trommel des Revolvers fand das LKA Schussrückstände, deren Zusammensetzung den Schmauchspuren an der Kleidung der beiden Schwerverletzten (Alex und Jamal) ähnelt. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Spuren von diesen Schüssen stammen, heißt es in einem Gutachten. Eine eindeutige Zuordnung durch eine ballistische Untersuchung war wegen des Zustands des Revolvers nicht möglich“, heißt es im Beitrag.

Dieses Detail ist deswegen so brisant, da die Berliner Staatsanwaltschaft seit Jahren die Kritik von Angehörigen, Anwälten und der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş zurückweist und behauptet, allen Spuren mit großer Sorgfalt nachgegangen zu sein. Ein Tatverdacht gegen Rolf Zielezinski habe sich angeblich nie erhärtet. Eine Antwort auf die schmerzende Frage von Buraks Mutter, wie die Behörden zu diesem Schluss kommen, blieben sie bisher schuldig. Offensichtlich sind hingegen die katastrophalen Lücken in den Ermittlungen: Eine Befragung von Rolf Zielezinski zum Mord an Burak hat es nie gegeben, nicht einmal ob er ein Alibi hat wurde untersucht. Eine von den Tatzeugen des Mordes erbetene Gegenüberstellung wurde verweigert. Und das obwohl Rolf Zielezinski in der Akte von einem Hinweisgeber als möglicher Mörder genannt wird, obwohl bei ihm eine Waffe gefunden wurde, die als Tatwaffe nicht ausgeschlossen werden kann, da die Schmauchspuren mit den Spuren auf der Waffe übereinstimmen.
Obwohl er nach Zeugenaussagen regelmäßig mehrmals pro Woche am Tatort vorbeigegangen ist und obwohl die Täterbeschreibung zu seinem Äußeren passt.

Dieses neue Detail macht uns fassungslos und zeigt uns wieder einmal, wie wichtig es ist, den Behörden ganz genau auf die Finger zu schauen. Wir fordern die Berliner Ermittlungsbehörden auf, endlich ihre Arbeit zu tun und den Spuren akribisch und effektiv nachzugehen! Desweiteren fordern wir den Berliner Senat auf, Konsequenzen aus dem Versagen der Ermittlungsbehörden zu ziehen. Wir fordern ein grundlegendes Neuaufrollen der Ermittlungen!, so Ulrike Schmidt von der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş.

Mit einer zwei Meter hohen Skulptur aus Bronze wird die Initiative am kommenden Sonntag in direkter Nähe des Tatorts die Kritik an den Ermittlungsbehörden zum 6. Todestag von Burak Bektaşim öffentlichen Raum zementieren. Die Skulptur mit dem Namen „Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle“ wurde von der leider im Dezember 2017 verstorbenen Künstlerin Zeynep Delibalta entworfen. Über 48.000 Euro hat die Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş in den letzten zwei Jahren gesammelt, um einen Gedenkort zu schaffen. Der Gedenkort steht für all den Schmerz, die Trauer und die Wut, welche Buraks Angehörige seit dem Mord begleiten. Er soll ihnen ein Ort des Gedenkens und der Begegnung sein sowie öffentlich darauf hinweisen, dass die Tat bis heute nicht aufgeklärt ist. Der Platz an der Rudower Straße wurde vom Bezirk Neukölln zur Nutzung überlassen.

Am Sonntag 8.4.2018 wird die Skulptur auf dem Gedenkort anlässlich des 6. Todestages von Burak Bektaş feierlich eingeweiht.
Eine Demonstration wird zum Gedenkort führen.

14 Uhr Demonstration ab U-Bahnhof Britz-Süd zum Gedenkort danach ab 15 Uhr Einweihung der Skulptur auf dem Gedenkort (Rudower Str./Möwenweg)

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_*der zitierte RBB-Beitrag*_

Burak Bektaş, der Mord an Luke Holland und eine Indizienkette (4.4.2018) Von Philip Meinhold Kulturradio-rbb

ausführlich (bei 51:33min):
Burak und Luke – zwei Morde in Berlin Neukölln – Eine Recherche von Philip Meinhold. kulturradio vom rbb link

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H I N T E R G R U N D I N F O R M A T I O N E N

Was ist passiert?
Gegenüber des Krankenhaus Neukölln steht Burak mit Freunden und unterhält sich. Ein unbekannter – nach Zeugenaussagen – „weißer Mann“ geht gezielt auf eine Gruppe „migrantischer Jugendlicher“ zu und feuert mehrere Schüsse auf sie ab. Der damals 22-jährige Burak wird getroffen und stirbt – seine Freunde Alex und Jamal werden schwer verletzt und können nur durch Notoperationen gerettet werden. Sie leiden bis heute an den Folgen. Die Jugendlichen haben den Täter noch nie zuvor gesehen.

Burak wurde wenige Monate nach der Selbstenttarnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) ermordet. Die Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş/sieht deutliche Parallelen und fragt danach, ob es sich etwa um eine Nachahmungstat handeln kann.

Warum ein Gedenkort?
Der Mord an Burak Bektaş schafft bis heute große Verunsicherung auf den Straßen – vor allem unter Jugendlichen, die von Rassismus betroffen sind. Von den NSU-Morden haben wir gelernt: Es reicht das Schweigen und die Ignoranz der Mehrheit, während die Minderheit bedroht und angegriffen wird. Diese Strategie darf nicht aufgehen!

Es war der Wunsch von Melek Bektaş, einen unübersehbaren Gedenkort für ihren Sohn in der Nähe des Tatorts zu schaffen. Den Wunsch griff die Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş auf und unterstützte die Umsetzung und Spendensammlung, damit der Gedenkort von staatlichen Stellen unabhängig bleibt und den Wünschen der Angehörigen entspricht.

Für ihr Engagement und ihre Beharrlichkeit sind Familie Bektaş und Unterstützer*innen längst bundesweit bekannt und mit anderen Angehörigen und Betroffenen vernetzt, insbesondere mit Familie Arslan (Betroffene des Brandanschlags von Mölln 1992), Familie Avcı (1985 wurde Ramazan Avcı in Hamburg von Neonazis getötet), Familie Taşköprü (Süleyman Taşköprü wurde 2001 vom NSU ermordet), Familie Holland (Luke Holland wurde 2015 in Berlin-Neukölln von einem Nazi erschossen) sowie anderen Angehörigen und Betroffenen rassistisch und neonazistisch motivierter Morde. Bereits im Oktober 2016 wurde das Engagement für den geplanten Gedenkort mit dem Hans-Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee ausgezeichnet.

Hintergrundtext: Warum ziehen wir ein rassistisches Motiv in Betracht?

Mehr und weiterführende Informationen: http://www.gedenkort-fuer-burak.org/