Ein Beitrag zum Artist Talk am 26.6.2017 von Aktivist*innen der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş

„Sie werden unsere Stimmen hörbar machen, das ist unsere Hoffnung.“, so Melek auf dem Tribunal im Mai 2017 in Köln

Vielen Dank an Wahshi, dass Vertreterinnen der Initiative für die Aufklärung heute hier sprechen können.

Seit 2012 arbeitet die Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektas.

Was geschah:
Burak wurde am 5.4.2012 nicht weit von dem Haus seiner Eltern erschossen. Zwei seiner Freunde wurden schwer verletzt. Der Mörder wurde nie gefasst. Die Vermutung, dass es sich um eine Nachahmungstat nach dem Muster der NSU-Morde handelt, lag ein halbes Jahr nach der Selbstenttarnung des NSU nahe. Eine Konsequenz aus den Erfahrungen zum Umgang mit Betroffenen Familien und Überlebenden der NSU-Morde musste sein, dass gewährleistet ist, die Familie Bektas nach dem Mord an dem Sohn Burak nicht alleine zu lassen.
Die Demonstration im Jahr 2006 in Kassel, in der gefordert wurde „Kein 10. Opfer“ steht für das, was wir heute migrantisches Wissen nennen. Die Familien der Opfer des NSU kannten die Verbindung schon, bevor alle anderen, auch wir alle den NSU durch seine Selbstenttarnung wahrgenommen haben.

Die Initiative besteht aus unterschiedlichen Gruppen, antifaschistischen, antirassistischen Einzelpersonen.

Die Initiative hat mehrere Betätigungsfelder:
1. Es geht in erster Linie um die Aufklärung des Mordes
2. das selbstbestimmte Erinnern an den Mord,
3. die Vernetzung mit anderen Betroffeneninitiativen
Seither organisiert die Initiative regelmäßig das Gedenken am Todestag, monatliche Mahnwachen zu Erinnerung an den nicht aufgeklärten Mord und zuletzt im Jahr 2017, die Verwirklichung eines festen Gedenkortes mit einer Skulptur der inzwischen verstorbenen Künstlerin Zeynep Delibalta. Dafür wurden – vorwiegend von privaten Spender*innen – mehr als 40.000 € gesammelt. Die Skulpture wurde in diesem Jahr zum 6. Jahrestag des Mordes aufgestellt.

Die Initiative ist Teil eines bundesweiten Netzwerkes von Initiativen zu einem selbst gestalteten Gedenken an rassistische Morde, wie zum Beispiel dem Freundeskreis im Gedenken an den rassistischen Brandanschlag in Mölln 1992.
Die Initiative hat organisiert, dass die unterschiedlichen Betroffenen sich begegnet sind und sich austauschen können über die Art des Gedenkens aber auch darüber, was hilft gegen den Schmerz, den Verlust von Familienmitgliedern durch rassistische Gewalt. Dies geschah auch in Köln beim Tribunal „NSU-Komplex auflösen“, insbesondere in einem Betroffenen-Forum aber auch bei der Organisierung der „Möllner Rede im Exil“. Die Initiative hat diese besondere Art des Gedenkens im Jahr 2017, in dem sich der Brandanschlag in Mölln zum 25. Mal jährte, ausgerichtet und in Zusammenarbeit mit dem Theater HAU zu einer viel beachteten Veranstaltung werden lassen.

Beim Tribunal „NSU-Komplext auflösen“ haben wir Wahshi Kuhi kennengelernt.
Seit Bestehen der Initiative ist die Verbindung zum NSU-Komplex eine mögliche Erklärung, vielleicht ist es auch „nur“ eine Nachahmungstat. Die Auswirkung dieses „nur“ ist erheblich. Niemand scheint in diese Richtung zu ermitteln, nicht einmal in Richtung Nazis in Neukölln. Darin gibt es Übereinstimmung mit den bekannten NSU-Taten. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, so die seit Jahren sich wiederholenden Aussagen der Zuständigen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Bei allem, was wir über die Richtungen wissen, wissen wir eben auch, dass die Verharmlosung, die nicht sehr konsequenzen Untersuchungen in Richtung Rassismus als Motiv offensichtlich sind.
Ich stelle mir immer wieder die Frage, was wäre passiert, wenn Burak nicht das Kind von MigrantInnen gewesen wäre, wenn es ein Kind beschwerdemächtiger Eltern aus anderem Stadtteil, eben nicht Neukölln gewesen wäre. Inzwischen denke ich, dass das Problem vielleicht doch woanders liegt. Die Ermittler, die das Attentat auf das Grab des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden untersuchen sollten, haben auch keine gute Arbeit geleistet. Mindestens da hätte ich vermutet, dass sie sich bemühen und das Bemühen auch gut dokumentieren. Mit Blick auf rechte, rassistische Verbrechen ist die Aufklärungsquote nicht sehr hoch. Kein Nazi wird bedrängt durch Ermittlungen, woran liegt das? Die Aufdeckung der offensichtlichen Verwicklungen der Ermittlungsbehörden mit der Verhinderung der Aufklärung sollte irgendwann auch im Fall Burak deutlich werden.

Hier geht es um die Frage, wie kann/soll Kunst intervenieren, sich in Kämpfe einbringen, in gesellschaftliche Auseinandersetzungen.
Was können gesellschaftliche Themen der künstlerischen Verarbeitung sein? Ich behaupte, zuerst ist die Bewegung, dann die Kunst. Kunst findet die Themen, die politische Aktivistinnen und/oder die Medien (das tote Kind am Strand) auf die Agenda schreiben.
So auch im Fall der Initiative. Die Künstlerin Zeynep Delibalta wurde von der Initiative angesprochen, weil die Familie sich ein Mahnmal/einen Gedenkort wünschte. Zeynep als eine Migrantin und Künstlerin und Aktivistin hat gleich zugesagt, sich darüber Gedanken zu machen, was das sein könnte. Die Skulptur mit dem Namen „Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle“ ist ihre Umsetzung des gestellten Themas. Sie hat sich in die Auseinandersetzung sowohl mit der Familie, als auch mit der Initiative, mit ihrer Vision einer Gesellschaft begeben, um ein für alle akzeptiertes Kunstwerk zu schaffen. Es musste der Familie gefallen, es musste an den Ort passen, es musste das Thema eines nicht aufgeklärten, möglicherweise rassistischen Mordes und vier Mordversuchen aufnehmen. Und es sollte eine Verbindung schaffen zwischen allen Menschen. Die Spirale und die bedeutsamen Zahlen. Am Ende war es aber auch so, dass nicht alle ihre Ideen verwirklicht werden konnten. Die beabsichtigete Lichtkonstruktion, eine sich drehende Skulptur aus Stein wurden nicht verwirklicht. Die leichte Angreifbarkeit und Zerstörbarkeit des Materials und der technischen Konstruktion führten zur einer Veränderung der größeren Idee. Der Angriff, wenige Tage nachdem die Plastik aufgestellt worden war, geben ihr posthum Recht. Ihre inhaltlichen Ausführungen zur Skulpture, hat sie umfassend in ihrer Rede am 5. Todestag von Burak 2017 dargestellt.

Zeynep Delibalta ist leider noch vor der Aufstellung der Skulptur im April 2018 am 19. Dezember 2017 gestorben. Es war ihre letzte und größte Arbeit. Sie hätte sich über diese Ausstellung hier sehr gefreut.

Der Erfolg der Initiative bei der Verwirklichung des Gedenkortes ist die Arbeit von vielen sehr unterschiedlichen Menschen/AktivistInnen und Professionen: Left-Vision dokumentierte und dokumentiert weiter, Landschaftsarchitekten denken über die weiteres Gestaltung des Gedenkortes nach und beraten uns, sie teilen ihre Erfahrungen, die Hufeisernen gegen Rechts, eine Initiative, die sich nach mehreren Angriffen in der Siedlung, genau die Initiative zur Aufklärung des Morde an Burak im Jahr 2012 gegründet hat, haben immer wieder an der Beseitigung von Nazispuren am Todesort mitgewirkt, sie waren bei jeder Aktivität am Gedenkort.
Wir brauchen Recherche, wir brauchen Geld, wir brauchen JournalistInnen, die sich Zeit nehmen, die richtigen Fragen zu stellen, wir brauchen PolitikerInnen, die in den Parlamenten unsere Fragen stellen und wir brauchen KünstlerInnen, die die richtigen Fragen kreativ umsetzen.

Aus Melek Bektas‘ Rede auf dem Tribunal in Köln:

Unser Schmerz findet kein Ende, unser Schmerz ist zu groß.
Und die, die wir verloren haben, können wir nicht wieder zurückbringen.
Unsere ganze Hoffnung ist, dass keine weiteren Buraks sterben müssen …

Entweder sagen wir „Das war Schicksal“ und tun es damit ab oder wir geben unsere Sache nicht auf:
„Wir wollen Gerechtigkeit für alle Buraks. Deswegen sind wir hier.“

Leiden als Basis von Kunst oder Ästhetik als Basis der Kunst?
Eine Frage, die ich nicht beantworten möchte. Aber eine Welt, die ungerecht ist, kann das Schöne nur schaffen, damit die KämpferInnen die Kraft haben gegen die Ungerechtigkeit anzukämpfen, die Entrechteten einen Grund haben für das Recht zu kämpfen.

„Sie werden unsere Stimmen hörbar machen, das ist unsere Hoffnung.“, so Melek auf dem Tribunal in Köln

Auch diese Performance wird Meleks Stimme hörbar machen in weiteren Kreisen. Darüber hinaus wird es aber auch die Wirkung von politischem Aktivismus sichtbarer und hörbarer machen.

Danke Wahshi!

Danke für eure Aufmerksamkeit.

Performance: Tribunal–A Matter Of Emotion

Wir laden Euch herzlich zu der Performance „Tribunal – A Matter of Emotion (No Echo In Front Of My Shout)“ des Aktivisten und Performance-Künstlers Wahshi Kuhi am 26.6.2018 in die Galerie SAVVY Contemporary (Plantagenstraße 31, 13347 Berlin) ein.

10:00–18:00 Performance von Wahshi Kuhi
19:00 Panel-Diskussion mit Wahshi Kuhi, Iris Rajanayagam und der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaš moderiert von Nathalie Anguezomo Mba Bikoro.
Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Universität der Künste Berlin-Institut für Kunst im Kontext, Interflugs, Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaš und SAVVY Contemporary.

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