Am Abend des 20. September haben wir eine Kundgebung ein Jahr nach der Ermordung von Luke Holland abgehalten. Wir waren etwa 70 Menschen und haben uns zuerst an der Ringbahnstraße Ecke Karl-Marx-Straße versammelt eh wir zur Todesstelle von Luke Holland an die Ringbahnstraße Ecke Walterstraße gingen.

Warum wir diese Kundgebung durchführten
am 20.09.2016 gehalten:

Wir führen diese Kundgebung hier durch um Luke Holland zu gedenken. Der 31-jährige Brite Luke Holland wurde vor einem Jahr am 20.09.2015 100 Meter von hier, in der Ringbahnstraße, von einem Nazi heimtückisch mit einer Schrotflinte erschossen. Der Mörder Rolf Z. schwieg vor Gericht und wurde im Juli aufgrund der vorliegenden Indizien zu 11 ein halb Jahren Haft verurteilt. Aber das Gericht leugnete die rechte Tatmotivation, obwohl in Rolf Z.s Wohnung Hitler-Devotionalien, Waffen und Schwarzpulver gehortet waren.
Unter uns ist ein brutaler Mord geschehen, mitten im sogenannten Szene-Kiez Neukölln, vor einer der vielen angesagten Kiezkneipen – verübt von einem Nazi. Das ist nicht nur ein rechter Mord an einem unschuldigen Menschen, sondern ein Anschlag auf unsere Lebensvorstellungen, auf eine offene und antirassistische Gesellschaft. Das darf weder ignoriert noch vergessen werden!
Äußern wir uns laut und deutlich auf die Straße – gegen Rassismus und rechte Gewalt hier in Neukölln und überall sonst! Zeigen wir unsere Solidarität mit den Betroffenen der Tat und den Angehörigen von Luke Holland! Zeigen wir Ihnen, dass sie nicht alleine stehen!
Gegen die Ignoranz und das Schweigen!
Kein Vergeben, kein Vergessen! Keine weiteren Morde!
-----
Bugün Luke Holland’ın anısına bu mitingde bir araya geldik. Luke Holland Ingiltereli, 31 yaşında idi, ve bir yıl önce, 20.09.2015’de, Neukölln Ringbahnstr.’de, burdan 100 metre ilerde bir nazi tarafından bir saçma tüfeği ile yakından haince vuruldu. Katil Rolf Z. mahkeme sürecinde sustu ve Temmuzda kanıtlar temelinde 11,5 yıl hapis cezasına mahkum oldu. Mahkeme sağcı bir motifin olasılığını, evinde birçok Hitler malzemesi, silah ve karabarut bulunmasına rağmen, redetti. Aramızda vahşiçe bir cinayet işlendi, gözde semt Neukölln´nün orta yerinde, en trende olan semt eğlence mekanlarindan biri önünde, bir Nazi tarafından gerçekleştirildi. Bu, sadece bir suçsuz insana değil, aynı zamanda bizim yaşam tarzımıza, açık ve anti ırkçı topluma yapılmış bir saldırıdır. Bu, ne unutulmalı ne de görmezlikten gelinmeli! Hep birlikte sokaklarda ırkçılığa ve sağ şiddete karşı Neukölln’de ve başka her yerde sesimizi yükseltelim! Luke Holland’ın ailesine ve olayın mağdurlarıyla dayanışmamızı gösterelim! Yalnız olmadıklarını, onlara gösterelim!
Vurdumduymazlığa ve sessizliğe karşı!
Af etmek yok, unutmak yok! Cinayetlere son!
-----
With this manifestation we want to remember Luke Holland. One year ago, on Sept. 20th 2015, Luke Holland was killed in Ringbahn Street only about 100 meters from here. The murderer was a Nazi. Rolf Z. shot at Luke Holland at close range with a salve fired from a shotgun with no chance for Luke to react or run.
In court the murderer remained silent. On the basis of the evidence he was convicted to 11 and a half years of prison. But the court did not recognize the right wing motivation of the deed although in his apartment the police found a wide array of Nazi memoralia, various weapons and 1 kilogramm of black powder.
Among us, in the midst of the Neukölln party-going, leftist, international crowd in front of one of our bars a brutal murder has happened – and the killer was a Nazi. This is not only a right wing murder against somebody completely innocent, but also an attack against all of us, against an open, anti-racist society. This can not be ignored nor forgot about!
Let our voices be heard – against racism and right wing violence here in Neukölln and everywhere! Let us show our solidarity with the attacked and murdered Luke Holland, his friends and relatives! Let us show, that they are not alone!
Stand up against ignorance and silence!
No forgiveness, no forgetting! No more murders!


Luke war das bisher letzte aber nicht das erste Opfer rechter, sozialchauvistischer und rassistischer Gewalt in Berlin.

Ufuk Şahin ermordet am 12. Mai 1989 im Märkischen Viertel, Reinickendorf
Mahmud Azhar ermordet am 7. Januar 1990 in Dahlem
Klaus-Dieter Reichert – 11. Dezember 1990 in Lichtenberg
Mete Ekşi – 26. Oktober 1991 am Adenauerplatz, Charlottenburg
Nguyen Van Tu – 24. April 1992 Marzahn
Günter Schwannecke – 29. August 1992 in Charlottenburg
Silvio Meier – 21. November 1992 in Friedrichshain
Hans-Joachim Heidelberg -24. Oktober 1993 in Schöneweide
Beate Fischer – 23. Juli 1994 in Reinickendorf
Jan W. – 26. Juli 1994 in die Spree getrieben
Kurt Schneider – 6. Oktober 1999 in Lichtenberg
Dieter Eich – 25. Mai 2000 in Buch
Ingo B. – 6. November 2001 in Berlin
Attila Murat Aydin – 13. Juni 2003 (bekannt auch als Graffitti-Künstler unter dem Namen Maxim) in Köpenick
Jusef El-A. 4.März 2012 (war als Schlichter für das Bezirksamt-Neukölln eingesetzt)
und – als Verdachtsfall – Burak Bektaş, ermordet am 5. April 2012 in Neukölln.

Luke Holland

Redebeitrag gehalten am 20.09.2016:

Zum Prozess: In Gedenken an Luke Holland

Luke Holland wurde am 20.09.2015 aus nächster Nähe mit einer Schrotflinte ermordet, er hatte keine Chance, er starb an seinen schweren Verletzungen.
Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Mörder Rolf Z. am 11.7.2016 wegen Mordes an Luke Holland „aus Heimtücke“ und wegen „Verstoßes gegen das Waffengesetz“ zu 11 Jahren und 7 Monaten Haft. Nach 21 Verhandlungen von März-Juli 2016, sprach das Gericht das Urteil. „Heimtücke“ konnte das Gericht bei dem Mörder feststellen, ein Tatmotiv hingegen wollte das Gericht nicht erkennen. Wir werten dieses Urteil als „Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektas!“ nicht als gerecht. Wie wir alle wissen: Mord ohne Motiv! – Das gibt es nicht. Das Motiv von „Fremdenfeindlichkeit“ oder eine Zuordnung von Rolf Z. als aktivem Nazi habe nicht eindeutig festgestellt werden können, lautet es im Urteil. Das Urteil folgt einer in sich logischen Argumentation und ist im Ergebnis nichts anderes als Rassismus. Wir sind als Burak-Initiative überzeugt davon: Der Mord an Luke Holland war ein rechter Mord. Rolf Z. ist ein Rassist. Und Nazi. Zu Beginn der Gerichtsverhandlung hatten wir als Burak-Initiative zur Prozessbeobachtung aufgerufen. Eine breite Öffentlichkeit konnte den Prozess mitverfolgen aufgrund der vielen Präsenz von Medien und Presse. Und es gab viele weitere unabhängige Prozessbeobachterinnen und Prozessbeobachter. Die Humboldt Law Clinic beispielsweise schlussfolgert aus Ihren Prozessbeobachtungen einen „institutionellen Rassismus“, der trotz der Erkenntnisse seit dem Aufliegen des NSU immer noch wirkt.

Wie kamen wir zu diesem Prozess?
Der Name von Rolf Z. war im Zusammenhang eines weiteren Mordes in Neukölln aufgetaucht, nämlich des Mordes an Burak Bektaş. Nicht die Ermittlungsbehörden, sondern die Nebenklageanwälte Onur Özata und Mehmet Daimagüler hatten auf diesen Zusammenhang in den Akten hingewiesen. Die Eltern von Luke Holland hatten aufgrund der Kenntnisse aus der Akteneinsicht den Kontakt zur Familie von Burak Bektas aufgenommen. Gemeinsam mit ihren Anwälten und der Familie Bektaş und deren Nebenklageanwalt Ogün Parlayan hielten sie eine Pressekonferenz ab und wiesen die Öffentlichkeit auf den Zusammenhang der Morde an ihren beiden Söhnen hin. So riefen wir als Initiative, die mit beiden Eltern der ermordeten jungen Männer eng zusammenarbeiten zur Prozessbeobachtung auf. Von Anfang bis Ende haben wir den Prozess begleitet und auch jetzt halten wir den Kontakt zu Familie Holland.

Warum wir immer noch an Rolf Z. dran bleiben?
Rolf Z. war schon 2006 der Polizei bekannt, bei einer Wohnungsdurchsuchung hatten sie bei ihm diverse Waffen und scharfe Munition gefunden. Wir können davon ausgehen, dass er zu dem damaligen Zeitpunkt bereits seiner „Sammelleidenschaft“ nachkam. Sein Name tauchte in Tatortnähe des Mordes an Burak Bektaş auf. Die Aussagen eines Zeugen sind dem Gericht bekannt: Rolf Z. hatte in Tatortnähe Verwandte und machte dort Schießübungen. Die Aussage weist seit dem Mord an Burak Bektaş im April 2012 auf diesen Zusammenhang hin. Und trotzdem wird diese Spur seitens des Gerichts und der Staatsanwaltschaft nicht weiterverfolgt.
Was ist den Behörden aus der Akte von 2006 bereits bekannt? Hätte ein Abgleich der vorgefundenen Waffen und Munition möglicherweise Aufschluss über einen weiteren Mord geben können? Oder sogar den Mord an Luke Holland verhindern können? Obwohl dies alles dem Gericht, der Polizei, den Staatsanwälten bekannt ist, warum werden keine Ermittlungen in diese Richtung für nötig befunden? Alle Spuren, die auf eine Aufklärung deuten, werden systematisch ignoriert. Und weiter noch, es hieß bei Gericht die Akte von 2006 sei nicht mehr vorhanden.
Im Prozess wurde nachdrücklich festgestellt, die Wohnung von Rolf Z. war voller Nazi-Devotionalien, u.a. einer Hitler-Büste, einer Fahne der verbotenen Neonazi-Band Landser, diverse illegale professionell manipulierte Schusswaffen, massenweise Munition und ein Kilo Schwarzpulver.
Das Wort Schwarzpulver kam nicht einmal in der Anklageschrift vor. Und auch im Urteilsspruch selbst kommt es nicht vor. Es ist ein Skandal, dass das Gericht wichtige Hinweise, die zur Aufklärung eines weiteren Mordes in Neukölln, an Burak Bektas, hätte beitragen können, nicht aufgegriffen hat.
Es ist ein Skandal, dass das in der Wohnung von Rolf Z. vorgefundene Schwarzpulver seitens des Gerichts nicht abgeglichen wurde mit bundesweiten Vorkommnissen. Bei dem Anschlag in der Kölner Probsteigasse wurde beispielsweise Schwarzpulver eingesetzt. Die rassistische und politische Dimension, das Gefahrenpotential für Migranten hat sich seit dem NSU-Skandal nicht geändert.

Warum reden wir von einem Rechten Mord in Neukölln? Warum von Rassismus?
Zeugenaussagen zufolge stand Rolf Z. der NPD nahe und äußerte sich abschätzig über „die vielen Ausländer im Kiez“. Außerdem beschwerte er sich am Abend vor Lukes Tod darüber, dass im Del Rex „nur noch englisch und spanisch gesprochen“ würde. Warum das Gericht und die Staatsanwaltschaft zwar den Tatbestand der Heimtücke als gegeben hielt, niedere Beweggründe jedoch, also eine Motivation aus rechter Ideologie gestützt auf völkisches Denken und Rassismus handelte, nicht erkennen wollten, ist für uns kein Zufall. Wie in vielen Fällen haben die Ermittlungsbehörden den Fall entpolitisiert, verharmlost und lieber über den Alkohol-Konsum des Täters und seine harmlose Sammelleidenschaft gesprochen. Kritik an die Ermittlungsbehörden äußert der Nebenklageanwalt Daimagüler auch im Fall des Brandanschlags in Altena. In den Mobiltelefonen der heute Verurteilten fand sich zuhauf belastendes Material wie Hitlerportraits,… Nichts davon wollte die Polizei entdeckt haben. Die Nebenklage war es die dieses Material in das Verfahren einführte.“
Es kommt immer wieder zu Anschlägen und Übergriffen durch Neonazis und andere Rassist_innen in Deutschland. Das Bedrohungspotential, welches von Nazis in Neukölln ausgeht, wird verharmlost. In Bautzen bestätigte sich wiederholt, wie Nazis und Sicherheitsbehörden zusammenwirken. Tagelang wurden hier Migrantenjugendliche bedroht und gejagt. Wichtigen Hinweisen auf Nazi-Strukturen wird nicht nachgegangen. Die Parallelen im Umgang der Behörden deuten auf systematisches Vorgehen, wie sie spätestens seit dem Auffliegen des NSU-Komplexes bekannt sind. Mit fatalen Folgen.

Was müssen wir tun?
Wir müssen davon ausgehen: Wenn im Fall von Burak Bektas ernsthaft in Richtung eines rassistischen Mordmotivs ermittelt worden wäre, hätte der Mord an Luke Holland möglicherweise verhindert werden können. In der Nacht vom 19. auf den 20. September 2015, als Rolf Z. Luke Holland ermordet hat, war er bei der Polizei schon auffällig geworden. Er hatte einen jungen Mann, den er für einen Linken hielt, bedroht, der daraufhin die Polizei rief. Obwohl die Polizei die Vorgeschichte von Rolf Z. hätte wissen können, nahm sie das Bedrohungspotential von Rolf Z. nicht ernst und ließ ihn laufen. Daraufhin suchte er die Bar Del Rex auf und ermordete später Luke Holland.

Die Mutter von Luke Holland hat nach dem Urteilsspruch das Bild ihres Sohnes dem hinter Hochsicherheitsglas sitzenden Rolf Z. gehalten und gefragt: „This is my son. Why did you kill my son?“ Der mit den Achseln zuckende Rolf Z. antwortete: „Englisch.“
Luke Holland wurde ermordet, da er Englisch sprach und Besucher der bei jungem, internationalem Publikum beliebten Kneipe „Del Rex“ war. Wo Menschen unterschiedlichster Herkunft, Kultur und Sprache zusammenkamen.
Den Mord an Luke Holland sehen wir als einen Angriff auf unsere Vorstellungen von einer offenen, freien, vielfältigen und demokratischen Gesellschaft.
Wir fordern von Staat und Polizei ein eindeutiges Signal gegen Rassismus und Rechte Gewalt.
Luke Holland ist Tod.

Unsere Solidarität gilt den Angehörigen, Freundinnen und Freunden von Luke Holland.



Kleiner Ausschnitt aus der rbb-Abendschau zu unserer Gedenkkundgebung am 20.09.2016