Grussbotschaft an Familie Yozgat / Initiative 6.April in Kassel

Liebe Familie Familie Yozgat, Angehörige und Freunde, Liebe Unterstützer_innen,

wir gedenken Halit Yozgat, der vor 11 Jahren gewaltsam aus seinem und Ihrem Leben gerissen wurde. Ihnen, die einen geliebten Menschen verloren haben, gilt unser tiefstes Mitgefühl. Wie in allen anderen NSU-Morden auch, setzten sofort, zu allem Schmerz, rassistische polizeiliche Ermittlungen gegen sie, die Angehörigen, ein. Für Sie, die Angehörigen war aber von Anfang an klar: Das war ein rassistischer Mord.

Nur 2 Tage zuvor war in Dortmund ein anderer Mord an einem Migranten geschehen, der Mord an Mehmet Kubaşık. Sie haben sich als Familien in Dortmund und Kassel zusammengetan und bereits 2006 demonstriert und gerufen „Kein 10. Opfer!“. Dennoch geschah der Mord an Michele Kiesewetter, einer Polizistin. Bis zum November 2011, dem Auffliegen des NSU sollten noch 6 Jahre vergehen. Sie gaben nicht auf. Auch wenn aus Opfern versucht wurde Täter zu machen. Sie haben gekämpft für die Wahrheit und um ihrer Würde wegen.

Nur einige Monate nach dem Auffliegen des NSU wurde in Berlin auf eine Gruppe von Jugendlichen migrantischer Herkunft geschossen. Burak Bektaş wurde gewaltsam aus seinem und dem Leben seiner Eltern, seinem Bruder, seiner Schwester, seiner Freunde gerissen. Er erlag seinen Verletzungen, 2 seiner Freunde überlebten schwerverletzt. Eine Konsequenz aus dem NSU-Komplex war für uns, wenn ein Migrant ermordet wird kritisch zu hinterfragen: War Rassismus das Motiv? Im Mordfall von Burak deutet alles auf eine NSU-Nachahmungstat hin. Anhaltspunkte, die auf ein rassistisches Mordmotiv weisen, werden seitens Polizei und Staatsanwaltschaft bis heute nicht gelesen. Auch ein zweiter Mord in Neukölln am 20.09.2015, der Mord an Luke Holland, einem jungen Briten, änderte nichts an der Vorgehensweise von Ermittlungsbehörden: Ein rassistisches Mordmotiv, das gibt es scheinbar nicht in Deutschland. Aber wir haben aus ihren leidvollen Erfahrungen lernen müssen: Wir haben jeden Grund den staatlichen Sicherheitsorganen zu misstrauen. Wir fordern nun nach 5 Jahren der Ungewissheit ein Neuaufrollen der Ermittlungen im Fall von Burak Bektas. Denn der Mord ist noch immer nicht aufgeklärt. Mit der Grundsteinlegung haben wir gemeinsam mit Familie Bektaş den Gedenkort Burak Bektaş umgesetzt. Familie Holland stand der Familie Bektaş zur Seite.

Wir gedenken nun in 3 aufeinander folgenden Tagen 3 Morden –Morde, die bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind. Wegen Verharmlosung, Aktenvernichtung, Vertuschung oder Verhinderung:

Wir gedenken Mehmet Kubaşık ermordet am 04.04.2006 in Dortmund -vom NSU. Wir gedenken Burak Bektaş, ermordet am 5.4.2012 in Berlin auf offener Straße. Und wir gedenken heute mit ihnen Halit Yozgat, ermordet am 6.4. 2006 in Kassel -vom NSU.

Sie haben unbeirrt gekämpft und sie kämpfen noch heute gegen das offenkundige Lügengebilde, dass ihnen präsentiert wird trotz besserem Wissen. In München wird bald das Urteil gesprochen werden gegen einige Wenige des sog. NSU und Unterstützer_innen. Aber kein Wort gegen die Verstrickungen von Staat und Nazis, dem NSU-Komplex, der all dies ermöglichte. Wir haben als Burak-Initiative zum Gerichtsprozess in München mobilisiert. Und wir arbeiten auch weiterhin an einer Vernetzung von Angehörigen rassistischer und rechter Morde und Betroffene von rassistischer und rechter Gewalt. Den NSU-Prozess verfolgen wir von Anfang an kritisch. Aus dem NSU-Skandal werden immer noch keine Konsequenzen gezogen, die notwendig sind. Deswegen wollen wir auch das Urteil des NSU-Prozesses neu aufrollen, mit ihnen gemeinsam, in einem Tribunal-NSU-Komplex-auflösen in Köln Mai-2017. Sie haben unglaubliches geschaffen, durch das Erzählen ihrer Geschichten. Zu einigen davon, sagte Melek Bektaş, die Mutter von Burak Bektaş: „Sie erzählen uns.“

Herzlich-solidarische Grüße
„Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektas.“

Redebeitrag der Burak-Ini deutsch/türkçe

(türkçe aşağı)

Liebe Familie Bektaş, liebe Angehörige, liebe Familie Holland, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,

wir sind heute hier, am 5. Jahrestag des Mordes an Burak Bektaş und wollen gemeinsam das Fundament legen für einen Gedenkort für Burak. Es ist ein erste Schritt hin zu einem angemessenen Gedenken, um Burak zu erinnern. Der geplante Gedenkort steht für all den Schmerz, die Trauer und die Wut, welche seine Angehörigen seit dem Mord begleiten. Er ist der Spiegel des Prozesses von Erinnern und Kampf um Gewissheit.

5 Jahre sind vergangen. 5 Jahre der Ungewissheit. 5 Jahre des Kampfes um Aufklärung. 5 Jahre Trauer, Schmerz und Wut. 5 Jahre sind eine lange Zeit. 5 Jahre sind eine kurze Zeit.

Wir aus der Initiative kannten Burak nicht. Wir wissen, dass er 22 Jahre alt war, dass er hier in der Nachbarschaft lebte. Wir wissen von seinen Angehörigen, dass er viele Freunde hatte, eine Ausbildung machte, sportlich war und dass er viel lachte. Immer wieder wird er uns als lebensfrohen Menschen beschrieben. Wir sehen, dass viele Menschen um ihn trauern und ihn vermissen, bis heute.

5 Jahre sind eine kurze Zeit.

Einige dieser Menschen sind heute hier. Liebe Angehörige, liebe Freundinnen und Freunde. Wir stehen Euch solidarisch zur Seite. Wir möchten Euch unterstützen und Euch zeigen, dass ihr nicht alleine seid. Dass es Menschen gibt, denen Eure Trauer nicht egal ist. Die mit Euch kämpfen. Wir trauern mit Euch, wir fragen mit Euch: Wer hat Burak ermordet?

Wir können es nicht begreifen, dass so etwas geschieht. Dass sich jemand das Recht nimmt über Leben und Tod eines Menschen zu entscheiden. Dass dies keine Konsequenzen hat und der Mörder sich nicht verantworten muss. Dass wie bei den Morden des NSU Hinweisen nicht nachgegangen wird. Dass wir in einer Gesellschaft leben, in der das hingenommen wird.

5 Jahre sind eine lange Zeit.

Warum Burak sterben musste, wissen wir bis heute nicht. Genauso wenig wie wir den Täter kennen. Viele Fragen, keine Antworten: Ist Burak vielleicht auch von Rolf Z. ermordet worden? Dem Mann mit Hitlerbüste, Schwarzpulver und Landserfahne in der Wohnung. Der hier ganz in der Nähe im Haus seiner Schwägerin ein und ausging. Der Mann, der Luke Holland vor 1,5 Jahren ermordet hat und dafür zu knapp 12 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Behörden sind einem möglichen Zusammenhang nicht nachgegangen. Obwohl er bereits in der Akte zum Mord an Burak als möglicher Verdächtiger genannt wurde.

Es wurde bis heute versäumt, gezielt in Richtung eines rassistischen Tatmotivs zu ermitteln. Hätte der Mord an Luke Holland möglicherweise verhindert werden können, wenn in Richtung rassistischer Mord genügend ermittelt worden wäre?

Hätte der Mord an Burak möglicherweise verhindert werden können, wenn Nazi-Ideologie und rechte Ideologie und Rassismus als solche erkannt und verurteilt würden? Viele Fragen, keine Antworten – Was bleibt, ist Ungewissheit.

Durch die Untersuchungen zu den NSU-Morden wurde mehr als deutlich: Es gibt Rassismus innerhalb der Behörden, auf ganz grundsätzlicher, auf struktureller Ebene. Daraus haben die Behörden keine Konsequenzen gezogen. Auch nicht im Fall Burak Bektaş. Das kritisieren und beklagen wir seit nunmehr fünf Jahren.

Der Gedenkort für Burak Bektas ist auch ein gesellschaftlicher Prozess der eingeläutet werden muss von Verantwortlichen aus Politik, Justiz, Polizei, der Medien und der Gesellschaft.

Heute und hier fordern wir politische Konsequenzen aus dem neuerlichen Behördenversagen. Als nichts anderes kann das, was wir die letzten 5 Jahre erleben mussten, bezeichnet werden.

Wir fordern, dass die bisherigen Bemühungen von Politik, Staatsanwaltschaft und Polizei sich einer unabhängigen kritischen Überprüfung stellen müssen und dass die Ermittlungen neu aufgerollt werden.

Dieser Ort, an dem wir hier heute stehen, erinnert auch an diese Forderungen. Er erinnert daran, dass der Mord noch immer nicht aufgeklärt ist und die Behörden nichts tun um das zu verändern.

5 Jahre sind eine zu lange Zeit.

Auch deswegen stehen wir heute hier. Wir fordern einen anderen gesellschaftlichen Umgang mit solchen Morden ein. Wir fordern mehr öffentliche Aufmerksamkeit dafür, was um uns herum geschieht. Wir fordern, dass die Behörden solche Morde aufklären! Wir fordern mehr Solidarität von den Menschen – in der Nachbarschaft und überall sonst.

5 Jahre sind eine kurze Zeit.

Zwar klingt Gedenken nach Abschließen, doch dieser Ort soll die Auseinandersetzung mit dem Mord an Burak Bektaş nicht abschließen. Ganz im Gegenteil.

Der Gedenkort soll Raum geben für lebendige Erinnerung. Er soll ein Symbol dafür sein, dass wir Burak Bektaş nicht vergessen. Aber auch Dass wir Aufklärung fordern. Dass niemand in Angst und Verunsicherung leben soll. Burak Bektas war ein Teil unserer Gesellschaft. Wir können nicht akzeptieren, dass so etwas möglich ist. Und wir akzeptieren nicht, dass seine Ermordung immer noch nicht unaufgeklärt ist.

Deshalb erzählt der Gedenkort auch eine Geschichte vom Kampf um Aufklärung, vom Zusammenkommen, vom Kennenlernen und von Solidarität. Und wir laden euch alle ein, Teil davon zu sein. Der Gedenkort für Burak ist das was wir daraus machen. Er ermutigt aufzustehen, zusammenzukommen und zu kämpfen. Wir haben viele Fragen und keine Antworten – doch wir sind hier und wir stehen zusammen. Das ist ein erster Schritt. Der Mord an Burak bringt uns alle zusammen und wir versuchen Stärke zu ziehen aus diesem traurigen Anlass.

Dieser Gedenkort symbolisiert diese Stärke, denn gemeinsam werden wir etwas verändern.

Schön dass ihr alle da seid, wir hoffen ihr bleibt noch etwas und vor allem, dass ihr wieder kommt!

*** türkçe ***

Sevgili Bektaş ailesi, sevgili bektaş ailesinin akrabaları, sevgili Holland ailesi, sevgili gençler-çocuklar, sevgili kadın ve erkek arkadaşlar ve sevgili dayanışmacılar.

Bizler, bugün buraya Burak Bektaş cinayetinin 5. Yılında anıt yapılması planlanan yere temel taşı koymak üzere bir araya geldik. Burası bir anıt yeri olmayı fazlasıyla hakediyor ve bu anıt Burak’ı hatırlamanın bir ilk adımıdır.

Anıt yeri cinayetten sonra aileye eşlik eden yılların acılarını, üzüntülerini, öfkelerini ve dava sürecini hatırlama ve mücadele kararlılığını yansıtan bir aynadır.

5 yıl geçti, dile kolay… 5 yıl davanın aydınlatılması için süren bir mücadele… 5 yıllık hüzün, acı ve öfke. 5 yıl uzun bir zaman ve bir o kadar da kısa…

Biz, Burak inisiyatifindekiler Burak’ı tanımazdık. Burak 22 yaşındaydı. Bu semtte yaşardı. Akrabalarından öğrendik ki çok arkadaşı vardı. Bir meslek edinmişti. Sportif ve çok neşeliydi. Bize hep yaşamı çok seven bir kişi olarak anlatıldı. Bugün hala onun yasını tutan ve onu özleyen insanların var olduğunu görüyoruz.

5 yıl kısa bir zaman…

Bu insanların bazıları bugün buradalar. Sevgili Burak’ın yakınları, sevgili arkadaşlar dayanışmamızla sizlerin yanındayız.

Biz, sizleri desteklemekle, sizin yalnız olmadığınızı göstermek istiyoruz. İnsanlar varki, onlar için sizlerin yası hiç de önemsiz değildir. Onlar sizinle birlikte mücadele ediyor. Sizinle birlikte yastayız, sizinle aynı soruyu soruyoruz: Burak’ı kim katletti?

Bir kişinin bir başka insanın yaşamı hakkında karar vermesini anlayamıyoruz. Nasıl oluyor da bir sonuca varılamıyor ve katil sorumlu tutulmuyor? Öyle bir toplumda yaşıyoruz ki; NSU cinayetlerinde de olduğu gibi verili bilgiler bile araştırılmıyor. İşte böylesi bir toplumda yaşıyoruz.

5 yıl uzun bir zaman…

Burak’ın neden öldürüldüğünü bugün hala bilmiyoruz. Üstelik katil hakkında da pek bir şey bilmiyoruz. Cevap bekleyen bir yığın soru var ama, cevap yok: Burak’ı Rolf Z. mi katletti? Bu kişi evinde barut, Landser bayrağı ve Hitler bürstleri bulunduran ve buraya çok yakın oturan baldızının evine girip çıkan birisi. Bu adam 1,5 yıl evvel Luke Holland’ı katletti ve bunun için yaklaşık 12 yıl hapis cezası aldı. Burak cinayeti dosyasında bu kişinin adının geçmesine rağmen, kurumlar adamın şüpheli olma ihtimalini dahi araştırmadılar.

Cinayetin ırkçı bir motif taşıyıp taşımadığını araştıran bir soruşturma bugüne kadar hiç açılmadı. Eğer soruşturma ırkçılık şüphesine dönük yürütülebilseydi Luke Holland cinayetini engelleme ihtimali doğabilirdi.

Eğer Nazi ideolojisine, sağcı ideolojiye ve ırkçılığa yönelik araştırma yapılabilseydi ve bir yargılama söz konusu olsaydı, Burak cinayetinin önlenebilmesi mümkün olabilirdi? Çok soru var, fakat cevap yok. Geriye ne kalıyor? Belirsizlik ve şühpe…

Devlet kurumlarında ırkçılık var. Neredeyse tamamında. Kurumsal alanlarda tüm bunlardan devlet organları sonuçlar çıkaramadı. 5 yıldan beri Burak Bektaş olayında da bir sonuç çıkmadı. Bunu eleştiriyor ve şikayet ediyoruz. Bunlar NSU cinayetleri soruşturmaları yoluyla çok daha netleşebildi.

Burak Bektaş’ı anma yeri politikanın, hukukun, polisin, basının ve toplumun sorumluluklarına ışık tutmalı.

Bugün ve burada bürokrasinin başarısızlığından politik sonuçlar çıkarılmasını talep ediyoruz. Bizim, son 5 yılda yaşamak zorunda olduklarımızı vurgulamak istiyoruz.

Politikacılardan, savcılıktan ve polisten bugüne kadarki girişimlerinden farklı olarak bağımsız bir denetleyici görevlendirmesini talep ediyoruz ve dava süreci yeniden işleme koyulmalıdır.

Bugün, burada, üzerinde durduğumuz, bu alan, bu talebi de hatırlatıyor. Burası cinayetin hala aydınlatılmadığını ve bürokrasinin bunu değiştirmek için hiç birşey yapmadığını hatırlatıyor.

5 yıl çok uzun bir zaman…

Bu nedenden dolayı da buradayız. Biz bu gibi cinayetlerle ciddiyetle ilgilenen bir toplum öneriyoruz. Bu gibi olaylara karşı çok daha duyarlı bir kamuoyu oluşturmayı öneriyoruz. Kurumlara önerimiz; bu gibi cinayetlerin aydınlatılmasıdır. İnsanlardan, komşulardan ve ilgili kurumlardan daha çok dayanışma talep ediyoruz.

5 yıl çok az bir zaman…

Bu yer, Burak Bektaş cinayetiyle yüzleşmeyi sonlandırmamalı. Tam tersi yüzleşme devam etmeli.

Anıt yeri süre giden canlı bir hatırlamaya imkan sunmalı. Bu yer Burak Bektaş’ı unutmayacağımızı gösteren bir sembol olmalıdır. Aynı zamanda olayın aydınlanmasını talep etmeliyiz ki; hiç kimse korkuyla ve güvensiz bir ortamda yaşamasın. Burak Bektaş toplumumuzun bir bireyiydi. Bu gibi olayların mümkün olmasını ve cinayetin halen aydınlantılmamış olmasını kabullenmemeliyiz.

Tam da bu nedenden dolayı anıt yeri bir araya gelmenin, tanışmanın ve dayanışmanın, aydınlanma mücadelesinin bir tarihi olacak. Sizleri bu tarihin bir parçası olmaya davet ediyoruz. Burak için yapılan anıt yerinden çıkardığımız sonuçlar bunlardır. Onun hatırası ayaklanmayı, bir araya gelmeyi ve mücadeleyi cesaretlendiriyor. Çok sorularımız var fakat cevapları yok. Evet buradayız ve birlikteyiz. Bu ilk adımdır. Burak’ın cinayeti hepimizi bir araya getirdi ve biz bu üzüntülü durumdan güç yaratmak istiyoruz. Birlikte birşeyleri değiştirebileceğimiz bu anıt yeri bu gücü sembolize ediyor.

İyi ki bugün burada bizlerle birliktesiniz…Ve umarız burada biraz daha kalırsınız ve etkinliklerimize tekrar gelirsiniz.

Pressegespräch im Rathaus Neukölln als Audio – Aufnahme vom 5. April 2017

Bilanz zum 5. Jahrestag des Mordes an Burak Bektaş im Rathaus Neukölln
05.04.2017 – 10 Uhr // Rathaus Neukölln Raum A461 mit

  • MELEK BEKTAŞ, Mutter von Burak
  • OGÜN PARLAYAN, Anwalt der Familie Bektaş
  • ULRIKE SCHMIDT, Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak

(16 min.) link

Wir laden euch herzlich zur Gedenkkundgebung und Grundsteinlegung um 18.30 Uhr Rudower Str./Möwenweg (U Britz-Süd) ein.

Pressekonferenz der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş anlässlich des 5. Todestags am 5.4.2017

Bilanz

Wir als Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş haben heute zu dieser Pressekonferenz eingeladen, um eine Bilanz der letzten fünf Jahre zu ziehen, die seit dem Mordanschlag auf Burak Bektaş und seine Freunde vergangen sind. Diese Bilanz sieht folgendermaßen aus:

Fünf Jahre nach Buraks Tod gibt es immer noch keine Gewissheit für die Angehörigen. Der Mord ist nicht aufgeklärt.

In Neukölln sowie anderen Teilen Berlins herrscht angesichts der unaufgeklärten Gewalttat weiterhin Verunsicherung, insbesondere unter Jugendlichen, die von Rassismus betroffen sind.

Es gab keine ausreichenden Ermittlungen in Richtung eines möglichen rassistischen Tatmotivs – oder diese Ermittlungen wurden nicht ausreichend in den Akten dokumentiert

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat keine Ermittlungsergebnisse vorzuweisen.

Forderungen

Vor diesem Hintergrund sind wir heute auch hier, um Forderungen zu stellen. Nach fünf Jahren Ungewissheit und nicht zuletzt auch mit Blick auf die Erkenntnisse über den NSU-Komplex fordern wir, dass die Ermittlungen zum Mord an Burak Bektaş komplett neu aufgerollt werden. Die Frage, ob der Mordanschlag auf Burak und seine Freunde eine NSU-Nachahmertat oder ein anderweitig rassistisch motivierter Mord war, stellt sich heute noch genauso wie vor fünf Jahren.

Grundsätzlich fordern wir Transparenz seitens der Behörden gegenüber den Angehörigen und der Öffentlichkeit. Dabei geht es zum einen um die Frage: Was wurde bisher getan, um hinsichtlich eines möglichen rassistischen Tatmotivs zu ermitteln und was nicht? Welchen Hinweisen wurde in welcher Form nachgegangen? Wie und nach welchen Kriterien wurde bisher ermittelt? Was meinen die zuständigen Ermittler, wenn sie sagen, sie hätten „in alle Richtungen geprüft“? Wichtig ist vor allen Dingen aber auch: Wie sieht es aktuell aus? Werden aktuell überhaupt noch Ermittlungen durchgeführt? Gibt es Ansätze, um doch noch zu Ermittlungsergebnissen zu kommen? Das sind Fragen, auf die wir gerne Antworten hätten.

Jenseits von der Forderung nach Transparenz über die bisherigen Ermittlungen wiederholen wir die Forderung nach gezielten Ermittlungen in Richtung eines möglichen rassistischen Tatmotivs. Das bedeutet, dass Hinweisen und Ermittlungsansätzen, die auf eine rassistische Täterschaft deuten, konsequenter nachgegangen werden muss als es bisher der Fall war. Gegebenenfalls müssen auch bereits eingestellte Ermittlungen wieder neu aufgenommen werden.

Darüber hinaus fordern wir als Reaktion auf die bisher ergebnislos verlaufenen Ermittlungstätigkeiten der Berliner Behörden ein unabhängiges Gremium, das die bisherigen Ermittlungen kritisch überprüft und zwar insbesondere dahingehend, was unternommen wurde, um in Richtung eines rassistischen Motivs zu ermitteln.

Insgesamt fordern wir Konsequenzen aus den Erkenntnissen zum NSU-Komplex. Durch die unabhängigen Untersuchungen zu den NSU-Morden wurde ja unter anderem deutlich: Es gibt Rassismus innerhalb der deutschen Behörden, auf ganz grundsätzlicher, das heißt auf struktureller Ebene. Und daraus haben die Berliner Behörden bzgl des Mordes an Burak Bektaş bisher keine öffentlich wahrnehmbaren Konsequenzen gezogen. Das kritisieren und beklagen wir seit nunmehr fünf Jahren und es ist an der Zeit, dass sich das endlich ändert.

Ich kann Ihnen ganz ehrlich sagen: Ich würde mir wünschen, dass Herr Steltner, der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, heute, an Buraks 5. Todestag, von sich aus an die Öffentlichkeit treten würde, um darzulegen, warum die Ermittlungen bisher ergebnislos verlaufen sind und was alles unternommen wurde, um diesen Fall aufzuklären, insbesondere mit Blick auf ein möglicherweise rassistisches Motiv. Ich würde mir wünschen, dass Herr Steltner es aus freien Stücken tun würde, weil er fühlen würde, dass die von ihm vertretenen Behörden angesichts all dessen, was wir über den NSU-Komplex wissen, unter Rechtfertigungsdruck stehen oder zumindest, weil es genügend öffentlichen Druck gäbe, der ihn zu entsprechenden Stellungnahme zwingen würde. Stattdessen mussten wir aktuell in der Zeitung seine zynisch anmutende Antwort auf die Frage danach lesen, wie viele Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen sind und wie vielen nachgegangen wurde. Steltners Kommentar lautete: „hab ich nie gezählt“- ich denke, das spricht für sich. Ein solcher Kommentar schließt sich mit einer Anerkennung der Tatsache, welche Bedeutung die Ermittlungen für Angehörige und Hinterbliebene nach wie vor haben, schlicht aus. Er deutet vielmehr darauf hin, wie wenig ernst die Sorgen hinsichtlich unzureichender Ermittlungen genommen werden.

Bilanz unserer bisherigen Arbeit

An dieser Stelle ziehe ich jetzt noch eine kurze Bilanz unserer bisherigen Arbeit: Als Initiative haben wir in den vergangenen fünf Jahren über 40 Veranstaltungen organisiert, darunter Podiumsdiskussionen, Filmvorführungen und Workshops sowie Gedenkveranstaltungen. Wir haben drei große Demonstrationen mit mehreren Hundert Teilnehmer*innen und insgesamt 25 Kundgebungen und Mahnwachen durchgeführt. Darüber hinaus haben wir Redebeiträge auf knapp 20 weiteren Demonstrationen gehalten. Wir haben zahlreiche eigene Artikel, Berichte, Pressemitteilungen und Aufrufe veröffentlicht und dokumentieren laufend die komplette Berichterstattung zum Fall. Unsere Ausstellung wurde bundesweit in unterschiedlichen Kontexten gezeigt und wir sind mit vielen Initiativen, die zu rassistisch motivierter Gewalt oder entsprechenden Verdachtsfällen arbeiten, eng vernetzt.

Auch wenn unser wichtigstes Ziel, die Aufklärung des Mordes, nach wie vor nicht erreicht ist, haben wir mit dieser Arbeit dazu beigetragen, dass zentrale andere Ziele erreicht werden konnten. Das Wichtigste ist sicherlich: Die Angehörigen von Burak stehen mit ihrer Forderung nach Aufklärung nicht alleine da – wir alle arbeiten mit der Unterstützung vieler anderer Initiativen und Einzelpersonen gemeinsam daran, dass der Fall aufgeklärt wird. Der Mord an Burak ist im Gegensatz zu vielen anderen unaufgeklärten Morden bisher in der Öffentlichkeit nicht in Vergessenheit geraten; zum Teil kam es durch entsprechenden Austausch im Rahmen unserer Veranstaltungen auch zu neuen Hinweisen. Die Frage nach einem möglichen rassistischen Tatmotiv wird in der Öffentlichkeit nach wie vor ernst genommen. Nicht zuletzt haben wir einen unabhängigen Gedenkort in unmittelbarer Nähe der Todesstelle erkämpft.

Gedenkort

Heute abend, am 5. Jahrestag des Mordes an Burak Bektaş, werden wir gemeinsam das Fundament für den Gedenkort legen. Der Gedenkort steht für all den Schmerz, die Trauer und die Wut, die Angehörige und Freunde seit dem Mord begleiten sowie für den nach wie vor andauernden Kampf um Aufklärung und Gewissheit. Der Gedenkort wird die Auseinandersetzung mit dem Mord nicht abschließen- ganz im Gegenteil: Der Gedenkort wird Raum geben für lebendige Erinnerung. Er soll ein Symbol dafür sein, dass wir Burak Bektaş nicht vergessen. Und er wird auch ein Symbol dafür sein, dass wir alle- die Initiative, die Anwälte und die Familie sowie alle Unterstützer und Unterstützerinnen- nach wie vor Aufklärung fordern und gemeinsam und solidarisch für diese Aufklärung kämpfen werden.

Wir fordern, dass die bisherigen Bemühungen von Politik, Staatsanwaltschaft und Polizei sich einer unabhängigen kritischen Überprüfung stellen müssen und dass die Ermittlungen insgesamt neu aufgerollt werden.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Ihnen allen für Ihr Kommen und Ihr Interesse. Bevor wir Ihnen gleich noch für Fragen zur Verfügung stehen, nutze die Gelegenheit, um Sie ganz herzlich zur Grundsteinlegung heute abend einzuladen. Die Grundsteinlegung wird um 18.30 Uhr am Burak-Bektaş-Platz an der Rudower Straße/Ecke Möwenweg, unweit der Todesstelle, stattfinden. Abschließend möchte ich sagen, dass der Gedenkort nicht zuletzt auch ein Symbol dafür sein wird, dass wir entschieden sind, unsere Arbeit fortzusetzen, bis der Mord an Burak endlich aufgeklärt ist. Vielen Dank.