zum morgigen Todestag von Burak Bektaş, zum Jahrestag des Mordes an Mehmet Kubaşık & Luke Hollands wäre 33 geworden:

Der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) fordert erneut gezielte Ermittlungen im Mordfall Burak Bektaş

Burak Bektaş wurde vor fünf Jahren, am 5. April 2012, auf offener Straße von einem Unbekannten kaltblütig ermordet, seine Freunde Alex und Jamal sind lebensgefährlich verletzt worden. Auch nach fünf Jahren sind die Ermittlungen der Berliner Polizei und der Berliner Staatsanwaltschaft immer noch ergebnislos.

„Es spricht vieles dafür, dass es sich hier um ein rassistisches Motiv handeln könnte“, erklärte Ayşe Demir, Sprecherin des TBB, und führte weiter aus: „Der Angriff auf Burak und seine Freunde ereignete sich nur wenige Monate nach der Aufdeckung der NSU-Morde und es gibt auch Parallelen zur rassistischen NSU-Mordserie, bspw. dass es keine Beziehung und keinen vorherigen Kontakt zwischen den Opfern und dem Täter gab.“

Ein persönliches Motiv sei damit ausgeschlossen. Da kein anderes Motiv ersichtlich sei, fordere Buraks Familie und die Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak zu Recht neue Ermittlungen zu möglichen rassistischen Hintergründen und Motiven, so Demir.

Der TBB schließt sich diesem an und fordert die Ermittlungsbehörden auf, die Ermittlungen in Richtung eines rassistischen und rechtsextremistischen Tatmotivs auszuweiten.

TBB

04.04.2017 Grussbotschaft an FAMILIE KUBAŞIK und die Initiative „TAG DER SOLIDARITÄT“ (Dortmund)

Liebe Familie Familie Kubaşık, Angehörige und Freunde, Liebe Unterstützer_innen,
wir gedenken mit ihnen zusammen -heute- Mehmet Kubaşık, der vor 11 Jahren ermordet wurde. Ihnen, die einen geliebten Menschen gewaltsam verloren haben, gilt unser tiefstes Mitgefühl. Ihrem Verlust folgten schmerzvolle und einsame Monate und Jahre. Eine Zeit der Verunsicherung und der Angst. Für Sie, die Angehörigen, war von Anfang an klar: Das war ein rassistischer Mord. Denn alles deutete darauf. Doch wie in allen anderen NSU-Morden setzten sofort rassistische Polizeiermittlungen ein. Eine Verstrickung von staatlichen Stellen und Nazi-Strukturen wirkte über Politik bis Medien. Die Folge des strukturellen Rassismus war, sie wurden alleingelassen. Auch wir standen damals nicht an ihrer Seite. In einem Abstand von nur 2 Tagen erfolgte in Kassel ein weiterer Mord an einem Mann mit migrantischer Herkunft, Halit Yozgat. Sie haben sich aus Dortmund und Kassel als Familien zusammengetan und bereits 2006 mit ihren Demonstrationen „Kein 10. Opfer!“ ihr Wissen auf die Straßen getragen. Bis zum November 2011, dem Auffliegen des NSU, sollten noch 6 Jahre vergehen. Aus Opfern wurde versucht Täter zu machen. Aber Sie haben nicht aufgegeben. Sie haben gekämpft für die Wahrheit und um ihrer Würde wegen.

Nur einige Monate nach dem Auffliegen des NSU wurde in Berlin auf eine Gruppe von Jugendlichen migrantischer Herkunft geschossen. Burak Bektaş starb an seinen Verletzungen, 2 seiner Freunde überlebten schwerverletzt. Eine Konsequenz aus dem NSU-Komplex war für uns, wenn ein Migrant ermordet wird kritisch zu hinterfragen: War Rassismus das Motiv? Im Mordfall von Burak deutet alles auf eine NSU-Nachahmungstat hin. Anhaltspunkte, die auf einen rassistisches Mordmotiv weisen, werden seitens Polizei und Staatsanwaltschaft bis heute nicht gelesen. Auch ein zweiter Mord in Neukölln am 20.09.2015, der Mord an Luke Holland, einem jungen Briten, änderte nichts an der Vorgehensweise von Ermittlungsbehörden: Ein rassistisches Mordmotiv, das gibt es scheinbar nicht in Deutschland. Aber wir haben aus ihren leidvollen Erfahrungen lernen müssen: Wir haben jeden Grund den staatlichen Sicherheitsorganen zu misstrauen. Wir fordern nun nach 5 Jahren der Ungewissheit ein Neuaufrollen der Ermittlungen im Fall von Burak Bektas. Denn der Mord ist noch immer nicht aufgeklärt. Mit der Grundsteinlegung wollen wir gemeinsam mit Familie Bektaş morgen den Gedenkort Burak Bektaş begehen. Familie Holland wird der Familie Bektaş zur Seite stehen.

Wir gedenken in 3 aufeinander folgenden Tagen 3 Morden. Morde, die bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind, wegen Verharmlosung, Aktenvernichtung, Vertuschung oder Verhinderung:
Wir gedenken heute Mehmet Kubaşık ermordet am 04.04.2006 in Dortmund -vom NSU. Wir gedenken morgen Burak Bektaş, ermordet am 5.4.2012 in Berlin auf offener Straße. Und mit Familie Yozgat werden wir Halit Yozgat gedenken, ermordet am 6.4.2006 in Kassel -vom NSU.

In München wird bald das Urteil gesprochen werden gegen einige Wenige des sog. NSU und Unterstützer_innen, aber kein Wort gegen die Verstrickungen von Staat und Nazis, zum NSU-Komplex, der all dies ermöglichte. Wir verfolgen den NSU-Prozess von Anfang an kritisch. Wir haben als Burak-Initiative zum Gerichtsprozess in München mobilisiert und wir arbeiten an einer Vernetzung von Angehörigen rassistischer und rechter Morde und Betroffene von rassistischer und rechter Gewalt. Aus dem NSU-Skandal werden immer noch keine Konsequenzen gezogen, die notwendig sind. Wir demonstrieren unsere Solidarität nun seit mehreren Jahren -sie mit uns, wir mit ihnen – gemeinsam. Auch das Urteil des NSU-Prozess wollen wir mit ihnen neu aufrollen in einem Tribunal in Köln Mai-2017. Sie haben unglaubliches geschaffen, durch das Erzählen ihrer Geschichten. Zu einigen davon, sagte Melek Bektaş, die Mutter von Burak Bektaş, „Sie erzählen uns.“

Herzlich-solidarische Grüße
„Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş.“

Mehr Informationen zum Tag der Solidarität / In Gedenken an Mehmet Kubaşık Tag der Solidarität / facebook

Am 4. April 2017 wäre Luke Holland 33 Jahre alt geworden

In Gedenken an Luke Holland haben wir wenige Blumen und Lichter an seiner Todesstelle aufgestellt.

Luke Holland war nach Berlin als Anwalt gekommen, nachdem er in Oxford studierte und in Japan gelebt hatte. Er arbeitete in einer Firma in Berlin, deren Mtbegründer er war, und die Start-Up-Firmen juristisch beriet. Als er ermordet wurde, hatte er gerade ein Telefonat mit einem Freund in England beendet, dem er zum Geburtstag gratuliert hatte. Er sprach dabei natürlich Englisch. Das reichte dem Nazi Rolf Z. um ihn mit einer Schrottflinte zu ermorden.

Luke Holland wurde am 20.09.2015 von dem Nazi Rolf Z. ermordet. In der Akte zur Ermordung von Burak Bektaş, wird bereits Rolf Z. als Tatverdächtiger erwähnt, seine Wohnung wurde 2006 wegen illegalem Waffenbesitz von der Polizei durchsucht und scharfe Munition gefunden, das Ermittlungsverfahren wurde nicht weiter verfolgt. Er wohnte wenige Häuser vom Tatort entfernt.

Wäre der Mord an Luke Holland zu vermeiden gewesen, wenn die Ermittlungsbehörden intensiver zur Ermordung von Burak Bektaş ermittelt hätten?

Informationen zum Prozess zum rechten Mord an Luke Holland findet ihr unter Mord an Luke H. Prozessberichte auf diesem Blog.

PM Die Anwälte der Familie Bektaş zum 5. Jahrestag der Ermordung Burak Bektaş

Morgen, am 05. April 2017 jährt sich die Ermordung von Burak Bektas zum fünften Mal. Der damals 22-jährige wurde in Berlin-Neukölln auf offener Straße kaltblütig erschossen. Zwei seiner -ebenfalls migrantischen- Freunde wurden schwer verletzt.

Seitdem wartet die Familie Bektas auf Antworten. Wer hat unseren Sohn und Bruder ermordet? Warum wurde Burak um sein junges Leben betrogen? Ist er das Opfer einer rassistischen Tat? Tut die Polizei wirklich alles, um den Mord aufzuklären?

Auch die Öffentlichkeit ist besorgt, ob der anhaltenden Ungewissheit. Gerade in der türkischstämmigen Gesellschaft sorgt der heimtückische Mord für Diskussionen und Ängste.

Dr. Daimagüler: „Vier Monate vor dem Mord hat sich der NSU selbst enttarnt. Eine mögliche Nachahmungstat erscheint als die zur Zeit wahrscheinlichste Hypothese, nachdem die Polizei laut Akten alle anderen Möglichkeiten eingehend geprüft und verworfen hat. Die Opfer sind migrantisch. Es gab keine Beziehung zwischen dem Täter und den Opfern. Es gab kein Bekennerschreiben. Dies sind Parallelen zu den Morden des NSU, die sich aufdrängen“.

Onur Özata: „Wir haben nicht den Eindruck, dass die Ermittlungsbehörden im rechten Spektrum in ausreichendem Maße ermitteln. So wurden bspw. zwischen 1990 und 2011 über 700 Tötungsdelikte, bei denen eine rechtsextreme Motivation vermutet wird, verübt. Ein Abgleich mit diesen Taten könnte Hinweise auf den Mörder von Burak Bektas liefern. Es ist mir schleierhaft, dass dieser Abgleich, obgleich wir immer wieder genau dies gefordert haben, nicht gemacht wird“.

Ogün Parlayan: „Nicht nur die Familie Bektas lebt in Sorge. Auch in der Bevölkerung herrscht ein bedrückendes Gefühl. Ich stelle eine Erosion des Vertrauens in die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft gerade bei türkischstämmigen Menschen fest. Uns sprechen Menschen aus ganz Deutschland an, die in Sorge sind und uns fragen, ob der Täter endlich ermittelt wurde“.

Die Voraussetzungen der Übernahme der Ermittlungen durch den Generalbundesanwalt sind laut Gesetz gegeben, wenn eine besondere Bedeutung des Falles vorliegt. Wir haben bereits vor 15 Monaten gefordert, dass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernimmt. Dies ist nicht nur nicht geschehen. Es fand noch nicht einmal eine eingehende Prüfung statt. Es scheint, als sei die Verunsicherung des türkischstämmigen Teils unseres Landes kein Anlass zur Prüfung in Karlsruhe. Wir fordern, den 5. Jahrestag der Ermordung Buraks zum Anlass zu nehmen, die Ermittlungen zu reaktivieren. De facto scheint die Staatsanwaltschaft Berlin die Ermittlungen eingestellt zu haben. Die Bundesanwaltschaft muss übernehmen. Es muss endlich auch stärker in eine politische Richtung ermittelt werden. Wir behaupten nicht, dass der Mord an Burak Bektas einen politischen Hintergrund hat. Wir sagen aber, dass nach der Selbstenttarnung des NSU nicht so getan werden kann, als gäbe es keine rassistischen und rechtsextremen Morde in Deutschland. Aus den Akten ist erkennbar, dass eine politische Tat nur oberflächlich geprüft wurde. So fehlen fundierte und regelmäßig erneuerte Anfragen bei Verfassungsschutzbehörden anderer Länder, obwohl beispielsweise Brandenburg nur 7 Kilometer vom Tatort entfernt ist. Was genau haben Sicherheitsbehörden und die Generalbundesanwaltschaft nach ihrem desaströsen Versagen beim NSU „aus dem NSU“ gelernt?